Gefühlt seit mehreren Jahren klagen Unternehmer, Lobbyisten und Politiker über einen drohenden Fachkräftemangel. Manche Experten erklären den Fachkräftemangel schlicht zum Mythos oder Kassenschlager https://news.kununu.com/fachkraeftemangel-ist-ein-kassenschlager-martin-gaedt/. Andere wiederum behaupten, dass der Fachkräftemangel die Wirtschaft Milliarden koste und das deutsche Wirtschaftswachstum um rund ein Prozent pro Jahr verringere https://www.deutsche-handwerks-zeitung.de/so-teuer-ist-der-fachkraeftemangel/150/3092/369796. Die Wahrheit liegt – wie so oft – in der Mitte, meint der Stuttgarter Personalberater Michael Zondler von CENTOMO.

Aus dem täglichen Geschäft und den Gesprächen mit Mandanten weiß ich, dass viele Unternehmen Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen haben. Es mangelt schlicht an geeigneten Bewerbern, oder die Unternehmen haben aufgrund voller Auftragsbücher gar nicht die Zeit, die passenden Talente zu identifizieren. Diese Unternehmen wenden sich an professionelle Personalberatungen, weil sie erkannt haben, dass sich der Fachkräftemangel für sie zu einem realen Geschäftsrisiko entwickeln kann.

Die Klienten von CENTOMO kommen fast ausschließlich aus der Automobil- und Automobilzuliefererindustrie. Dort ändert sich – Stichwort „Mobilität der Zukunft“ – momentan so viel, dass es immer anspruchsvoller wird, all die Talente zu finden, die aktuell am Markt gebraucht werden. Durch die Mega-Trends wie autonomes und vernetztes Fahren, E-Mobilität und Car-Sharing entstehen neue Berufsfelder und ein hoher Bedarf an IT-Kräften, der bis dato in der Automobilindustrie noch nicht in der Form da war.

Über den nationalen Tellerrand blicken
„International ist ganz normal“: Das heißt bei CENTOMO, dass schätzungsweise 60 Prozent unseres Geschäfts international abläuft. Der Bedarf an den Top-Talenten für die Autoindustrie lässt sich längst nicht mehr allein in Deutschland decken. Neben den Fachkenntnissen werden sog. Soft Skills, Mehrsprachigkeit und Diversität immer wichtiger. Um es mal etwas plakativ auszudrücken: Es ist nicht gut fürs Image und fürs Geschäft und auch nicht für die Attraktivität als Arbeitgeber, wenn in einem Unternehmen nach außen sichtbar nur mittelalte weiße Männer den Ton angeben. Da ändern sich momentan die Zeiten ganz dramatisch!

Und auch wenn es unpopulär klingen mag: Deutschland ist ein Niedriglohnland. Erzieher, Pflegekräfte, Feuerwehrleute und Polizisten sorgen dafür, dass unser Land funktioniert. Und verdienen dabei so wenig, dass sie sich kaum die Mieten in Berlin, Hamburg oder München leisten können. Auch im Handwerk droht ein Fachkräftemangel, weil die gesellschaftliche Wertschätzung oft nur Leuten mit Studium gilt. Und laut jüngsten Studien der OECD ist Deutschland längst ein Hochsteuerland geworden https://www.welt.de/wirtschaft/article175842986/Steuerlast-Nur-ein-Land-verlangt-noch-hoehere-Steuerbeitraege-von-den-Buergern.html. Vergleichsweise niedrige Löhne und eine hohe Belastung durch den Staat: Diese Kombination macht Deutschland für die internationalen Talente nicht unbedingt attraktiv. Der Fachkräftemangel ist insofern also durchaus hausgemacht. Selbst wenn in der deutschen Automobilindustrie im nationalen Vergleich mit anderen Wirtschaftsbranchen gut verdient wird, fällt der Vergleich mit anderen Ländern negativ aus. IT-Kräfte, die immer wichtiger für die deutsche Schlüsselindustrie werden, können in den USA einfach ein Mehrfaches als hierzulande verdienen. Unternehmen wie Personalberater müssen daher immer kreativer werden und die eigene Arbeitgebermarke stärken. Denn rein finanziell kann Deutschland den Kampf um die internationalen Fachkräfte nicht gewinnen.